Bericht Tarn Drome

Mein erstes Mal im Wildwasser – oder: Warum Kentern gar nicht so schlimm ist…

Als ich mich zur Wildwasserfahrt angemeldet habe, wusste ich ehrlich gesagt nicht so genau, worauf ich mich da einlasse. Zwei Jahre bin ich jetzt im Kanu-Club Mannheim, Wildwassererfahrung: genau null. Also Auto gepackt, viele Stunden nach Frankreich gefahren und mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt auf dem Campingplatz in Cray an der Drôme angekommen.

Der Einstieg war leichter als gedacht. Mein Platz war schon vorbereitet und ich hatte sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Am nächsten Morgen lernte ich dann eine Institution kennen: die berühmte „Tafel“. Ich hatte vorher nie so richtig verstanden, was alle damit meinten. Jetzt weiß ich es: Alle schleppen ihre Stühle, Tische, Geschirr und Frühstückszutaten zusammen, bis eine lange Frühstückstafel entsteht. Zugegeben – ich hatte das Gefühl, meine Sachen mindestens fünfmal über den Campingplatz zu tragen. Aber genau so beginnt dort der Tag: gemeinsam, entspannt und mit vielen Gesprächen. Danach wurde es unter der Leitung von Diana organisatorisch. Wer fährt welches Auto? Wer nimmt welches Boot? Wie bekommt man gefühlt ein halbes Bootshaus auf ein paar Autodächer? Wo sollen die Autos geparkt werden? Die Konstruktionen sahen manchmal abenteuerlich aus, hielten aber erstaunlich gut. Bis zum Schluss habe ich allerdings nicht vollständig verstanden, wie man vier Kajaks auf einem Autodach sicher verzurrt. Offenbar gibt es dafür Geheimwissen, das man sich erst über viele Jahre erarbeitet.

Dann kam der Moment, vor dem ich den größten Respekt hatte: das erste Mal im Wildwasser. Zum ersten Mal mit kompletter Ausrüstung, Helm auf dem Kopf, fest im Boot – und vor mir ein Fluss, der deutlich lebendiger aussah als alles, was ich bisher kannte. Nach ungefähr einer Viertelstunde war ich zum ersten Mal gekentert. Im Nachhinein war das wahrscheinlich das Beste, was passieren konnte. Denn danach war die größte Angst verschwunden. Ich wusste jetzt: Man fällt nicht gleich vom Erdball, wenn man im Wildwasser baden geht. Allerdings hatte die Drôme noch ein kleines Andenken für mich parat: Beim ersten Bad lief mir so viel Wasser ins Ohr, dass es einfach nicht mehr herauswollte. Das hatte zur Folge, dass ich viele Kommandos nur noch gedämpft wahrnahm. Vielleicht erklärt das im Nachhinein auch die eine oder andere kreative Linienwahl. Ich habe mir jedenfalls größte Mühe gegeben, alle Anweisungen richtig umzusetzen. Das Wasser erwies sich allerdings als ausgesprochen hartnäckig und begleitete mich bis zur Heimreise. Am Tag der Abfahrt in Richtung Tarn endete mein Wildwasserabenteuer deshalb noch mit einem ungeplanten Besuch beim Facharzt, wo mir das Wasser fachmännisch aus dem Ohr entfernt wurde. Inzwischen ist zum Glück alles wieder gut getrocknet – sowohl das Ohr als auch mein Ego.

Überhaupt wurde ich nie allein gelassen. Meistens paddelte ich irgendwo in der Mitte der Gruppe. Vorne jemand, an dem ich mich orientieren konnte, hinten jemand, der aufpasste. Und immer wieder hörte ich denselben Zuruf: „Paddeln! Paddeln! Paddeln!“ Manchmal habe ich das hervorragend umgesetzt. Manchmal … nun ja … hatte der Bach andere Pläne. Schnell lernte ich auch neue Fachbegriffe. Die „Chicken Line“ zum Beispiel. Anfangs dachte ich, das hätte etwas mit Geflügel zu tun. Tatsächlich ist es einfach die sicherste Linie durch eine Stromschnelle. Genau mein Revier. Und wenn es doch einmal zu anspruchsvoll wurde, wurde mir das sogenannte „Taxi“ angeboten. Zusammen mit Swenja im Paket durch schwierige Passagen zu fahren, war eine beeindruckende Erfahrung. Mit welcher Ruhe und Souveränität sie das gemeistert hat, hat mir sehr gut gefallen.

Natürlich blieb mir auch die Tradition des Kenterweins nicht erspart. Nach einer Kenterung gibt man einen Wein aus. Das habe ich selbstverständlich gemacht. Wäre diese Regel allerdings nach jeder meiner Kenterungen konsequent angewendet worden, hätte die Gruppe vermutlich deutlich länger schlafen müssen. Mit jedem Tag wurde ich etwas sicherer. Nicht unbedingt trockener – aber sicherer. Ich lernte, dass man im Fluss niemals stehen sollte, sondern sich treiben lässt und schwimmt. Ich lernte, dass Kehrwasser kleine Inseln der Ruhe sind, auch wenn das Einfahren dorthin für mich oft spannender war als die Stromschnellen selbst. Mindestens genauso schön wie das Paddeln waren die Pausen. Gemeinsam auf einer Sandbank vespern, Geschichten erzählen und einfach die Landschaft genießen – genau diese Momente machen so eine Fahrt besonders. Nach einigen Tagen wechselten wir an den Tarn. Landschaftlich war das noch einmal eine andere Welt. Hohe Felsen, Wasserfälle und türkisfarbenes Wasser – manchmal kam ich mir tatsächlich vor wie in einem Karl-May-Film.

Auch an Land wurde es nie langweilig. Gemeinsam grillen, Salate schnippeln, morgens mit Alex und den anderen per Fahrrad Baguette holen – selbst ein platter Reifen wurde dank Alex‘ schneller Hilfe eher zu einer netten Geschichte als zu einem Problem. Besonders gefreut hat mich auch, wie selbstverständlich eine Bekannte von mir, die mich spontan besuchte, in die Gruppe aufgenommen wurde. Genauso hatte ich die Gemeinschaft während der gesamten Reise erlebt. Und dann war da noch Nora. Sie war mit Abstand die jüngste Teilnehmerin – ungefähr 18 Monate alt – und vermutlich diejenige, die am wenigsten Respekt vor dem ganzen Trubel hatte. Wir haben schnell Freundschaft geschlossen und sie hat so manchen Tag mit ihrem Lächeln und lauten „Ulli!“-Rufen bereichert.

Nach zwei Wochen bin ich mit vielen blauen Flecken, einigen Kenterungen, einer ganzen Menge neuer Erfahrungen und noch mehr schönen Erinnerungen nach Hause gefahren. Heute verstehe ich viele Geschichten der Wildwasserfahrer deutlich besser. Und ich habe gelernt, dass Wildwasser nicht nur aus Stromschnellen besteht, sondern vor allem aus gegenseitiger Unterstützung, Vertrauen und einer großartigen Gemeinschaft.

Ob ich nächstes Jahr wieder dabei bin?

Die Antwort kenne ich eigentlich schon …

– UK –

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